OP-Absagen am OP-Tag: wie häufig, warum – und was hilft
Ein geplanter Eingriff fällt am OP-Tag aus: Der Saal ist gerüstet, das Team bereit – und die Zeit ist verloren. Wie häufig das passiert, woran es liegt und was nachweislich hilft.
Wie häufig fallen Eingriffe am OP-Tag aus?
Die umfangreichste Untersuchung aus dem deutschsprachigen Raum stammt aus Deutschland: Schuster und Kollegen werteten 6 009 Anästhesiefälle aus 25 Spitälern aus. An Universitätsspitälern fielen 12.4 Prozent der geplanten Eingriffe aus, an mittleren und kleineren Spitälern 5.0 Prozent (Schuster et al. 2011). Eine weltweite Metaanalyse aus 33 Studien mit über 300 000 Eingriffen kommt auf 18 Prozent (Abate et al. 2020).
Für die Schweiz sind uns keine landesweiten Zahlen bekannt. Viele Häuser kennen ihre eigene Quote nur ungefähr, weil Absagen nicht einheitlich erfasst werden – mal als «verschoben», mal als «abgesetzt», mal gar nicht.
Vier Gruppen von Gründen
- Patientin oder Patient: erscheint nicht, sagt kurzfristig ab, ist erkrankt, ist nicht nüchtern oder hat ein blutverdünnendes Medikament nicht wie vereinbart pausiert.
- Medizinisch: Die Abklärung ist unvollständig, ein Befund ist neu oder eine andere Erkrankung muss zuerst behandelt werden.
- Organisatorisch: Das Programm dauert länger als geplant, es fehlen ein Bett, Personal oder Material.
- Chirurgisch: Ein Notfall hat Vorrang, oder die Operateurin beziehungsweise der Operateur ist nicht verfügbar.
Welche Gruppe überwiegt, ist von Haus zu Haus verschieden. Darum lohnt es sich, Absagen getrennt nach Gründen zu erfassen. Sonst setzt man Massnahmen am falschen Ort an.
Warum ambulante Eingriffe besonders anfällig sind
Seit 2019 bezahlt die Krankenversicherung bei einer Reihe von Eingriffen grundsätzlich nur noch die ambulante Durchführung. Anfang 2023 wurde die Liste des Bundes von sechs auf 18 Gruppen von Eingriffen erweitert (BAG). Für den OP-Betrieb heisst das: Immer mehr Patientinnen und Patienten verbringen die Zeit bis zum Eingriff zu Hause.
Ob jemand gesund, nüchtern und rechtzeitig unterwegs ist, erfährt das Spital dadurch oft erst am OP-Morgen. Dann bleibt kaum noch Zeit, den Saal anders zu nutzen.
Wie viel davon ist vermeidbar?
In Studien gelten 60 bis 92 Prozent der Absagen am OP-Tag als potenziell vermeidbar (Viderman et al. 2019; Abate et al. 2020). Die Spanne ist gross, weil Spitäler unterschiedlich zählen und einordnen. Die Richtung ist aber klar: Viele Ausfälle haben eine Ursache, die man vorher hätte erkennen können.
Was nachweislich hilft
- Früh nachfragen. In einem ambulanten OP-Zentrum in den USA riefen Pflegefachpersonen die Patientinnen und Patienten drei Arbeitstage vor dem Eingriff an. Die Absagen am OP-Tag sanken um 53 Prozent (Haufler und Harrington 2011, Vergleich vorher und nachher). Angesprochen wurden gezielt Nichterscheinen, nicht eingehaltene Nüchternheit und eine fehlende Begleitperson für den Heimweg.
- Erinnern und bestätigen lassen. An den Universitätsspitälern Genf senkten abgestufte Erinnerungen verpasste Termine von 11.4 auf 7.8 Prozent. SMS wirkten dort gleich gut wie ein Telefonanruf (Junod Perron et al. 2010 und 2013). Beide Studien stammen aus der ambulanten Sprechstunde, nicht aus der Chirurgie. Mehr dazu im Beitrag Terminerinnerung per SMS.
- Verständlich vorbereiten. Nüchternheit, Medikamente, Begleitperson: Die Anweisungen müssen ankommen – kurz, eindeutig und wenn möglich in der Sprache der Person.
- Abklärungen vor der definitiven Planung abschliessen. Wer erst am OP-Tag merkt, dass ein Befund fehlt, kann nur noch absagen.
- Frei gewordene Zeit neu vergeben. Je früher eine Absage bekannt ist, desto eher lässt sich der Saal neu besetzen. Siehe Frei gewordene OP-Termine neu besetzen.
- Messen. Die Ausfallquote je Fachgebiet und je Grund zeigt, welche Massnahme in Ihrem Haus am meisten bringt.
Quellen
- Schuster M, Neumann C, Neumann K et al. The effect of hospital size and surgical service on case cancellation in elective surgery: results from a prospective multicenter study. Anesthesia & Analgesia 2011;113(3):578–585.
- Abate SM, Chekole YA, Minaye SY, Basu B. Global prevalence and reasons for case cancellation on the intended day of surgery: a systematic review and meta-analysis. International Journal of Surgery Open 2020;26. PMC7440086
- Viderman D, Zhumadilov A, Umbetzhanov Y, Ben-David B. Reasons of cancellation of elective surgical cases at the University Medical Center. Research Square 2019 (Vorabveröffentlichung).
- Haufler K, Harrington M. Using nurse-to-patient telephone calls to reduce day-of-surgery cancellations. AORN Journal, Juli 2011.
- Junod Perron N, Dao MD, Kossovsky MP et al. Reduction of missed appointments at an urban primary care clinic: a randomised controlled study. BMC Family Practice 2010;11:79.
- Junod Perron N, Dao MD, Righini NC et al. Text-messaging versus telephone reminders to reduce missed appointments in an academic primary care clinic: a randomized controlled trial. BMC Health Services Research 2013;13:125.
- Bundesamt für Gesundheit (BAG). Ambulant vor stationär – Verlagerung findet statt. bag.admin.ch